El אל

Bnaya Halperin-Kaddari
2015

El (hebräisch: אל):
1. Ein Gott.
2. Einer der hebräischen Namen für Gott.
3. Zu, hin zu.

Eine Reise, Pilgerreise durch verwüstete Hallen, in denen einst der einzige Gott mit vielen Namen weilte. Heim: ein kleiner Tempel für eine Gemeinde von Gläubigen, die ihn dort anbeteten. Die Beschwörung von esoterischen Namen Gottes klingen von den Wänden zurück, deren Steine blasse Spuren freudvoller Anbetungen aus der Vergangenheit heraufrufen. Plosive explodieren im dichten Raum, wobei jedem Vokal Liebe, Achtsamkeit und die Absicht beigemessen wird, zu vibrieren und als Erinnerung, nicht als Denkmal, zu dienen.

 

Auszug aus dem Konzert vom 07.04.2016 Forum neuer Musik – Deutschlandfunk Köln – Festivaleröffnung, zur Verfügung gestellt vom Deutschlandfunk

 

 

Galut ve‘Shiva גלות ושיבה

Amit Gilutz
2015

O Mensch! wer, ich? im Zeitalter anthropogenen Klimawandels befeuert die Ressourcenknappheit Kriege in den Kolonien Gib Acht! Nein, ich kann nicht – ich werde nicht – helfen. imperiale Unternehmen überfluten sie mit Waffen und befördern die Interessen von Was spricht die tiefe Mitternacht? Ich bin ein Dichter, verstehen Sie? Wenn ich gestresst bin, mache ich Yoga. wenn die schwarzen Leute bis vor deine Tür fliehen – öffne ihnen nicht Die Welt ist tief, ich schreibe Poesie über menschliches Leid. sie werden dich im schlaf töten, sie werden dir dein essen wegessen, sie werden Tief ist ihr Weh—, ich schreibe Lieder von eurem Blut und euren Tränen. deine Frau vergewaltigen, deine Kinder versklaven, sie werden dir antun Weh spricht: Vergeh! danach bringe ich Leute dazu, zu diesen Liedern zu tanzen und zu lachen. was du ihnen angetan hast

 

Auszug aus dem Konzert vom 07.04.2016 Forum neuer Musik – Deutschlandfunk Köln – Festivaleröffnung, zur Verfügung gestellt vom Deutschlandfunk

 

 

Kaddisch קדיש

Eres Holz
Kaddisch nach Allen Ginsberg
2015

Das Kaddisch קדיש (aramäisch ‚heilig‘ bzw. ‚Heiligung‘) ist eines der wichtigsten Gebete im Judentum. Es besteht im Wesentlichen in einer Lobpreisung Gottes. Obwohl sich mit der Zeit Assoziationen mit Tod und Trauer entwickelt haben, erscheinen diese Begriffe nicht selbst im Gebet. Die wichtigsten Gedanken des Kaddischgebetes finden sich auch in dem von der Tradition Jesus von Nazareth zugeschriebenen Vaterunser.

Das lange gleichnamige Gedicht von Allen Ginsberg, woraus ich verschiedene Fragmente für meine Komposition entnommen habe, betrauert den Tod der Mutter des Autors, Naomi, aber auch den Verlust seiner Religion. Das traditionelle Kaddisch enthält keine Verweisungen auf den Tod, während sich Ginsbergs Gedicht ausdrücklich mit Gedanken an den Tod auseinandersetzt.

Ich wollte die Spannung zwischen Glauben und Zweifel in meinem Stück thematisieren. Nach meiner Auffassung verhandelt das Gedicht Allen Ginsbergs das Labyrinth der Identität: die Suche nach dem Sinn des Daseins aus der Perspektive des Individuums und in gewisser Weise gerade aus der Sicht des Säkularen, der sich nach einem umfassenden Sinn sehnt, dabei aber von quälendem Zweifel geprägt ist.

Der Schluss aus dem ersten Teil des „Kaddisch“ von Allen Ginsberg:

„Nameless, One Faced, Forever beyond me, beginningless, endless, Father in death. Tho I am not there for this Prophecy, I am unmarried, I’m hymnless, I’m Heavenless, headless in blisshood I would still adore
Thee, Heaven, after Death, only One blessed in Nothingness, not light or darkness, Dayless Eternity—
Take this, this Psalm, from me, burst from my hand in a day, some of my Time, now given to Nothing—to praise Thee—But Death
This is the end, the redemption from Wilderness, way for the Wonderer, House sought for All, black handkerchief washed clean by weeping—page beyond Psalm—Last change of mine and Naomi—to God’s perfect Darkness—Death, stay thy phantoms!“

 

Auszug aus dem Konzert vom 07.04.2016 Forum neuer Musik – Deutschlandfunk Köln – Festivaleröffnung, zur Verfügung gestellt vom Deutschlandfunk

 

 

Resisim רסיסים

Amir Shpilman
2015

„Resisim“ ist ein althebräisches Wort, das auf „Spuren der Nacht“ verweist (kleine Wassertropfen, die sich nachts an kalten Oberflächen bilden, wenn die Feuchtigkeit der Luft kondensiert). Im modernen Hebräisch bezeichnet „Resisim“ Trümmer, vereinzelte Teile und Überreste oder lose Stücke in der Natur. Das Wort kann außerdem als Synonym für winzige Einheiten dienen, für Fragmente von Gedanken oder Ideen. „Tal“ dagegen (hebräisch: Nachtspuren/Tau) symbolisiert eine erfrischende Quelle des Lebens, des Wohlstands und des guten Segens. Anders als der Regen, der aufhört, ist „Tal“ kontinuierlich und regelmäßig. Der Tau wird jeden Morgen auftreten, selbst in Dürrejahren. Im militärischen Diskurs bezeichnet das Wort „Resisim“ Zertrümmerungen und verletzende Querschläger. Das Stück bringt in verschiedenen Dimensionen Trümmer und Spuren als musikalische Objekte zu Gehör. Es verbindet chronologische, metrische und morphologische Zeitformen in der musikalischen Notation. Diese ist absichtlich sowohl präzise und detailorientiert als auch zugleich vage gehalten. Der Tradition synagogaler Kantoren gemäß sollen die Aufführenden von Resisim dem Ausdruck individueller Intuition ebenso gerecht werden wie der genauen Zeitwahrnehmung innerhalb der Gruppe. Das Stück korrespondiert mir der Idee von Orte – Mekomot, Musik an Orten aufzuführen, die immer noch da, aber zugleich nicht mehr da sind. Resisim betont die Grauzone, den Zwischenraum, einen Ort des Zweifels. Die Idee des Zweifels
als ein Mittel für Fortschritt und Gedeihen wie in Yehuda Amichais Gedicht Der Ort an dem wir richtig sind: „Zweifel aber und Lieben/ Graben die Welt um“.

Die Form des Stücks, in dem sich gestische Vorstellungen und thematische Zwischenrufe überlagern, wird von drei nebeneinanderstehenden Ideen getragen: synagogale Klangwolke, Bedeutungen
von Trümmern in einer Vielzahl von Zeitdimensionen und der Prozess des Verschwindens. Das Stück stellt Schatten, Echos und Fragmente gewissermaßen unter ein Vergrößerungsglas, es versucht, ein ungehörtes Geflüster des Ortes zu gewahren und dieses vom Hinterin den Vordergrund zu rücken. Es zeigt Altes und Neues Seite an Seite, Schrecken und Erinnerung, jedoch auch Hoffnung, Schönheit und Zukunft

Der Ort an dem wir richtig sind
von Yehuda Amichai

Von dem Ort an dem wir richtig sind
Werden niemals Blumen
In den Frühling wachsen.

Der Platz an dem wir richtig sind
Ist hart und zertrampelt
Wie ein Hof.

Zweifel aber und Lieben
Graben die Welt um
Wie ein Maulwurf, ein Pflug.
Und ein Flüstern wird an dem Ort zu hören sein
Wo das zerstörte
Haus einmal stand.

(aus dem Englischen von Asmus Trautsch)

 

Auszug aus dem Konzert vom 02.06.2016 in der Nożyk-Synagoge Warschau (PL), Zur Verfügung gestellt von Sarah Nemtsov

 

 

 

Ashrei אשרי

Sarah Nemtsov
2015

Ashrei josh‘vei veitecha – Gepriesen sind, die in Deinem Hause wohnen

Das Ashrei-Gebet dient zur Lobpreisung G‘ttes, dreimal am Tag soll es gesprochen (bzw. gesungen) werden. Hauptteil des Gebets ist der Psalm Davids Nr. 145. Es sind 21 Verse – dem hebräischen Alphabet entsprechend mit dem Aleph (A) beginnend und jeder weitere Vers mit dem nächsten Buchstaben. Doch ein Buchstabe fehlt – das Nun (N) –; vielleicht ist der Vers über die Jahrtausende verloren gegangen?

Kompositorisch habe ich Fragmente jüdischen liturgischen Gesanges nachempfunden (und neu erfunden) und mit Instrumentalklängen verwoben. Die E-Gitarre fungiert fast wie ein zweiter Sänger. Dabei spielt das Feedback (die normalerweise unerwünschte Rückkopplung zwischen dem Mikrofon und der Box) eine große Rolle – bewusst herbeigeführte Störklänge als Echo, Resonanz. Es gibt viele perkussive Impulse und auch hier ist der Nachhall wichtig, die Resonanz im Raum (der über die Konzerttour jeweils anders sein wird). Das Schofar wird im Duktus von Oboe und Trompete aufgegriffen, das Schlagzeug besteht aus einer (quasi) selbstgebauten Trommel, Metall und Fell – dazu sind ins Instrumentarium symbolhaft Weingläser
integriert. Ein Glas in einem Tuch wird traditionell zur jüdischen Hochzeit zertreten. Es soll – selbst im Moment höchsten persönlichen Glücks – an die Zerstörung des Tempels erinnern. Zugleich ist es der Abschluss der Zeremonie, zu dem gejubelt wird. Ähnlich dieser Konstellation von Freude und Trauer versuche ich, mich in meiner Komposition Ashrei zwischen Tanz und Kontemplation zu bewegen. Der Chasan singt die Verse, immer wieder jedoch wird er stumm – hier könnte eine Gemeinde antworten.

pote‘ach et jadecha – Du öffnest deine Hand

Ich bin in Deutschland aufgewachsen, als Kind habe ich in Oldenburg die Wiederbegründung einer jüdischen Gemeinschaft intensiv miterlebt. Die Gemeinde war zersplittert, heterogen: eine Mischung aus einigen Überlebenden, Zurückgekommenen, Zugezogenen – Juden u. a. aus Deutschland, Israel und Südamerika; in den 1990er Jahren kamen viele neue Mitglieder aus Russland, sogenannte Kontingentflüchtlinge, dazu. Trotz aller Unterschiede verband sie alle der Wille, die Gemeinde und das jüdische Leben wieder aufblühen zu lassen. Heute wird Berlin als ein besonders positives Beispiel für lebendiges jüdisches Leben in Deutschland genannt. Zugleich können diese schönen Entwicklungen nicht über die große Wunde der Shoa hinwegtäuschen. Der Verlust und die Leere sind da, noch immer lassen sich Spuren, Narben erkennen. Mit dieser Realität bewusst umzugehen und die Augen nicht zu verschließen, zugleich positiv für eine Zukunft einzustehen, ist eine Aufgabe für die hier lebenden Juden wie auch für eine (europäische) Gemeinschaft, deren Teil sie sind. Ashrei ist ein Gebet voller Hoffnung. Diese Hoffnung schließt auch die eigene Verantwortung ein.

 

Auszug aus dem Konzert vom 07.04.2016 Forum neuer Musik – Deutschlandfunk Köln – Festivaleröffnung, zur Verfügung gestellt vom Deutschlandfunk