Die Idee

Zeitgenössische Musik und alte jüdische Gesänge — eine Konzerttour durch ehemalige und neue Synagogen in Deutschland und Polen mit neuen Kompositionen von Amit Gilutz, Bnaya Halperin-Kaddari, Eres Holz, Sarah Nemtsov und Amir Shpilman.

 

»Vor allem in kleineren Orten in Deutschland gibt es zahlreiche ehemalige Synagogen. Die Nacht des 9. November 1938 haben sie aus unterschiedlichen Gründen ›überlebt‹, etwa weil sie dicht an Nachbarhäusern standen, weil die Juden den Ort bereits verlassen hatten oder aus anderen Gründen. Es sind bisweilen beeindruckende Bauten, mit einer besonderen — dunklen wie auch hellen — Geschichte. Die Synagogen wurden nach dem Krieg oft zu Lagerhallen, Abstellräumen, Restaurants oder Wohnhäusern. Vielerorts haben sich jedoch Initiativen gegründet, die sich für eine angemessenere Nutzung dieser Gebäude einsetzen. Diesem Engagement ist es zu verdanken, dass viele dieser ehemaligen zweckentfremdeten und auch verfallenen Synagogen inzwischen zu Museen oder Begegnungsstätten geworden sind. Die Erinnerung an die Geschichte der jeweiligen Synagoge und die Geschichte der Juden im Ort wird so wachgehalten. Diese Bauten werden allerdings nicht mehr im Sinne ihrer eigentlichen Bestimmung genutzt. Es werden keine Gottesdienste mehr abgehalten. Sie sind keine Zentren einer jüdischen Gemeinschaft mehr. In diesen kleineren Städten leben keine oder kaum mehr Juden. Die Synagogen sind Erinnerungsorte.

 

Hier setzt das Projekt Orte—Mekomot an: Leben soll in diese Synagogen getragen werden, jüdisches Leben in Form von Klang. Musik ist ein zentrales Element im jüdischen Gottesdienst. Alte jüdische Gesänge und Gebete, vorgetragen von einem jüdischen Kantor (Chasan), werden verflochten mit neuen zeitgenössischen Kompositionen für Gesang und Instrumentalensemble, die von jungen, in Deutschland lebenden jüdischen Komponisten geschrieben wurden.

 

Die Idee zu dem Projekt kam mir während des Chanukka-Festes 2013. Assoziativ verbanden sich für mich mehrere (Zeit-)Schichten: die Geschichte des Jerusalemer Tempels, der zweimal zerstört wurde, über jüdisches Leben im mittelalterlichen Europa und die Epoche der jüdischen Aufklärung (Haskalah) im 18. Jahrhundert, die vielbeschworene „deutsch-jüdischen Symbiose“, bis hin zu der jüngeren Geschichte der Synagogen in West- und Osteuropa im 20. und 21. Jahrhundert. In diesem Zeitschweif zeigen sich nicht nur Trümmer, sondern auch positive Kraft.

 

Die Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 70 durch die Römer löste die Diaspora aus und hatte auch den Bann der Instrumentalmusik aus dem jüdischen Gottesdienst (der nunmehr kein Tempeldienst war) zur Folge. Die Synagogen der Diaspora sind alle und überall nach Jerusalem ausgerichtet. In Europa ist der Thoraschrein deswegen an der Ostseite des Gebäudes. So blicken auch alle verwaisten Synagogen nach Osten.

 

Die Instrumentenwahl des Projekts Orte—Mekomot spannt ebenso einen großen Bogen über die Zeit, indem sie als Ausgangspunkt die in der Bibel erwähnten Instrumente nimmt, diese aber in ein heutiges Instrumentarium übersetzt. Die modernen Instrumente stehen für die antiken: Flöte chalil (Blas-, bzw. Pfeifeninstrument), Trompete chazozra (Naturtrompete aus Kupfer oder Silber), Harfe nevel (eine Art Harfe, ein Saiteninstrument, das mit Fingern gezupft wurde), (E-)Gitarre kinor (eine Art Laute oder Leier, König Davids Instrument, mit Plektrum gespielt), Oboe ugav (Schalmei-ähnliches Instrument), Schlagzeug u.a. tof (Trommel) und zelzelim (Becken). Da die biblischen Instrumente nicht erhalten sind, gibt es nur vage Vorstellungen, wie sie und die Musik des Tempels geklungen haben mögen. Lediglich ein archaisches Instrument existiert seit biblischen Zeiten bis heute: das Schofar (Widderhorn). An bestimmten jüdischen Feiertagen wird es noch immer in den Synagogen gespielt. Das Schofar tritt als einziges aus der Zeit vor der Zerstörung des Tempels zu den modernen Instrumenten.

 

Die fünf neuen Werke von Bnaya Halperin-Kaddari, Amit Gilutz, Eres Holz, Amir Shpilman und mir Sarah Nemtsov integrieren das Instrumentalensemble; die alten jüdischen Gesänge sind hingegen unbegleitet. Der traditionelle Gesang schafft so gleichzeitig Verbindung und Abstand, Raum zwischen den modernen Kompositionen. Im Aufeinandertreffen der verschiedenen Teile entsteht eine beziehungsreiche musikalische Konstellation, zugleich wird eine übergeordnete Form durch das Minchah (Nachmittagsgebet) geschaffen. Interessant ist, dass die überlieferten alten Gesänge musikalisch teilweise zugleich archaisch und modern klingen und so für viele Zuhörer ähnlich exotisch wirken dürften wie zeitgenössische Musik. Es gilt hier doppelt zu entdecken! Für mich war auch die Frage, ob es möglich ist — heute, im globalisierten 21. Jahrhundert — eine Art neue Liturgie zu schaffen, moderne jüdische Musik als gemeinsames Gebet, wenn auch zweifelnd, säkular, kritisch und aktuell, persönlich, durch subjektive Filter der Komponisten, von denen jeder ästhetisch ein ganz eigenes Profil hat. Musik im Bewusstsein und in Auseinandersetzung mit der Geschichte; jedoch als positives Statement für die Zukunft.

 

Wir sind hier. Mit einem Zeichen für Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Ich hoffe, das Projekt kann zu einem gemeinsamen Verständnis ebenso wie zu transkultureller Verständigung beitragen und wird verschiedene regionale und europäische Landschaften bereichern.«

 

Sarah Nemtsov — Künstlerische Leiterin